Anavar: In einem Untersuchungsraum des Zolls liegen Blisterstreifen mit weißen Tabletten in einem geöffneten Asservatenbeutel neben einer aufgeschnittenen Versandtasche.

Symbolbild, mit KI erstellt.

Anavar legal? Was Oxandrolon vor Gericht wirklich kostet

Anavar ist der bekannteste Handelsname für Oxandrolon, ein orales anaboles Steroid. Legal ist der Besitz nur mit ärztlicher Verschreibung. Ohne Rezept beginnt die Strafbarkeit nach dem Anti-Doping-Gesetz bei hundert Milligramm, einer Menge, die eine einzige Bestellung regelmäßig überschreitet.

Ich bin Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Bremen und verteidige bundesweit in Doping- und Arzneimittelstrafverfahren. Anavar hat unter den oralen Steroiden einen besonderen Ruf: Es gilt als mild, als das Mittel für Einsteiger und für Frauen. Dieser Ruf ist der Grund, warum es so oft bestellt wird, und warum die Betroffenen besonders überrascht sind, wenn der Zoll die Sendung zieht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Anavar ist der Handelsname für den Wirkstoff Oxandrolon, ein verschreibungspflichtiges anaboles Steroid.
  • Die nicht geringe Menge für Oxandrolon beträgt nach der Anlage zur Dopingmittel-Mengen-Verordnung hundert Milligramm.
  • Oberhalb dieser Menge droht § 4 Absatz 1 Nummer 3 des Anti-Doping-Gesetzes Geldstrafe oder Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren an, für Vorrat, Erwerb und Einfuhr gleichermaßen.
  • Der Sportbegriff des Gesetzes umfasst nach dem Beschluss des Bundesgerichtshofs vom 5. Dezember 2017 auch Bodybuilding und Kraftsport im Freizeitbereich.
  • Als Anavar verkaufte Präparate enthalten nach den Erkenntnissen der Praxis häufig gar kein Oxandrolon, sondern Stanozolol. Was die Analyse entscheidend macht.
  • Neben dem Anti-Doping-Gesetz kommt § 95 Absatz 1 Nummer 1 des Arzneimittelgesetzes in Betracht, weil anabole Steroide bedenkliche Arzneimittel sind.
  • Gewerbsmäßigkeit macht den bloßen Besitz nicht zum Verbrechen; die Qualifikation erfasst nur Handel und Anwendung bei anderen.

Was auf dieser Seite steht

Was Anavar ist und warum es als mild gilt

Oxandrolon zählt zu den anabol-androgenen Steroiden. Das sind Stoffe, deren Aufbau und Wirkung sich am körpereigenen Testosteron orientieren. Sie werden eingesetzt, um Muskelmasse und Muskelkraft zu erhöhen, teils auch in niedrigeren Dosierungen, um die Wettkampfbereitschaft zu steigern.

Der Ruf von Anavar als vergleichsweise verträgliches Präparat beruht auf seiner geringeren androgenen Wirkung. Daraus folgt aber keine Harmlosigkeit. Die Verabreichung anaboler Steroide kann zu psychischen Veränderungen, Leberschäden und Beeinträchtigungen des Herz-Kreislauf-Systems führen. Bei männlichen Jugendlichen kommen eine Verkleinerung der Hoden, verringerte Samenproduktion und ein Anschwellen der Brust hinzu; bei Frauen eine Vermännlichung mit Bartwuchs, tieferer Stimme und Ausbleiben der Monatsblutung.

Rechtlich spielt die Verträglichkeit ohnehin keine Rolle. Das Gesetz fragt nicht, wie stark ein Stoff wirkt, sondern ob er in der Anlage steht und welche Menge erreicht ist. Anavar steht dort, und seine Schwelle ist niedrig.

Der Befund, der alles verändert: Was wirklich in der Packung ist

Hier liegt der wichtigste Punkt dieser Seite, und er ist zugleich der stärkste Ansatz der Verteidigung. Was als Anavar verkauft wird, enthält nach den Erkenntnissen der Praxis vielfach gar kein Oxandrolon. In den verbreiteten Fälschungen steckt stattdessen Stanozolol, ein anderes anaboles Steroid mit eigener Wirkung und eigenem Nachweisprofil.

Das ist kein Einzelfall, sondern Strukturmerkmal dieses Marktes. Fast alle Dopingarzneimittel werden imitiert und in Untergrundlaboren hergestellt, mit abweichender Zusammensetzung, selbst gestalteten Verpackungen und erfundenen Gebrauchsanweisungen. Bei Anapolon etwa enthielten vermeintliche Originaltabletten statt des angegebenen Oxymetholon je dreizehn Milligramm des stärker wirksamen Metandienon, in scheinbar original verpackten Glasröhrchen mit Haltbarkeitsaufkleber.

Für das Verfahren hat das zwei Folgen. Erstens muss die Analyse den tatsächlich enthaltenen Wirkstoff bestimmen; eine Hochrechnung aus der Packungsaufschrift trägt die Anklage nicht. Zweitens stellt sich die Frage des Vorsatzes: Wer Oxandrolon bestellt und Stanozolol erhält, hat beim Erwerb einen anderen Stoff im Sinn gehabt, als er tatsächlich bekommen hat. Bei Oxandrolon und Stanozolol liegt die Schwelle zwar gleich hoch, bei anderen Stoffpaaren aber nicht.

Verschreibungspflicht und Verbringungsverbot

Oxandrolon ist verschreibungspflichtig; dasselbe gilt für Metandienon und für Stanozolol, beide nach Anlage 1 zur Arzneimittelverschreibungsverordnung. Ohne Verordnung ist der Bezug nicht erlaubt.

Hinzu kommt das Verbringungsverbot. Nach § 73 Absatz 1 des Arzneimittelgesetzes dürfen zulassungspflichtige Arzneimittel nur eingeführt werden, wenn sie zugelassen oder freigestellt sind. Präparate aus Untergrundlaboren erfüllen das nie. Das in Deutschland nicht zugelassene Methyl-Testosteron etwa unterliegt dem Verbringungsverbot schon deshalb, weil es hier keine Zulassung hat.

Arzneimittelrechtlich entscheidet dann nicht die Menge, sondern das Herkunftsland. Kommt die Sendung aus einem Drittland, greift § 96 Nummer 4 des Arzneimittelgesetzes, aber nur bei gewerbs- oder berufsmäßigem Handeln, was auf eine Bestellung für den eigenen Verbrauch nicht zutrifft. Hinzu kommt eine Einschränkung, die leicht übersehen wird: Die Erlaubnispflicht des § 72 Absatz 1 Satz 1 greift erst, wenn das Präparat auch in einem Drittland hergestellt worden ist (BayObLGSt 1998, 66 = NStZ 1998, 578).

Stammt die Sendung dagegen aus einem EU- oder EWR-Staat, ist nicht § 96 Nummer 4 einschlägig, sondern die Bußgeldvorschrift des § 97 Absatz 2 Nummer 8. Sie ahndet das Verbringen unter Verstoß gegen das Verbringungsverbot und hängt von der Schwelle der Dopingmittel-Mengen-Verordnung in keiner Weise ab. Wer zum Eigenverbrauch aus einem Drittland bezieht, fällt durch beide Raster. Bleibt aber oberhalb von hundert Milligramm nach dem Anti-Doping-Gesetz strafbar.

Das Anti-Doping-Gesetz und die hundert Milligramm

Den schärferen Zugriff hat nicht das Arzneimittelrecht, sondern das Gesetz gegen Doping im Sport. Oxandrolon ist dort in der Anlage geführt, und damit greift das Verbot des § 2 Absatz 3: Vorrat, Erwerb und Einfuhr oberhalb einer festgelegten Menge sind untersagt. Geahndet wird das über § 4 Absatz 1 Nummer 3 mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe. Welche der beiden Listen des Gesetzes für welche Tathandlung maßgeblich ist, habe ich bei den Wachstumshormonen im Einzelnen auseinandergelegt.

Die maßgebliche Zahl für Oxandrolon lautet hundert Milligramm; sie folgt aus der Anlage zur Dopingmittel-Mengen-Verordnung in der seit dem 16. März 2023 geltenden Fassung. Was das praktisch bedeutet, zeigt der Blick auf die Handelsformen: Eine Tablette trägt zehn, häufig zwanzig Milligramm. Eine einzige Blisterpackung reicht damit über die Schwelle. Wer eine Kur über mehrere Wochen bezieht, liegt um ein Mehrfaches darüber.

Die Mengenschwellen der gängigen Steroide

Wirkstoffbekannt alsnicht geringe Menge
Metribolon, synonym Methyltrienolonkein gebräuchlicher Name45 mg
Oxabolonkein gebräuchlicher Name75 mg
OxandrolonAnavar100 mg
StanozololWinstrol, Stromba100 mg
MetandienonDianabol, Methanabol100 mg
OxymetholonAnapolon100 mg
MethyltestosteronMetesto100 mg
Fluoxymesteronkein gebräuchlicher Name100 mg
NandrolonDeca150 mg
BoldenonEquipoise1.000 mg
DrostanolonMasteron1.015 mg
MesterolonProviron1.500 mg
Testosteronkein gebräuchlicher Name1.500 mg
Clomifenkein gebräuchlicher Name1.500 mg
Tamoxifenkein gebräuchlicher Name3.600 mg
Clenbuterolkein gebräuchlicher Name5,4 mg

Zwei Dinge fallen an dieser Tabelle auf. Zum einen liegen die oralen Steroide mit hundert Milligramm am unteren Ende, während Testosteron erst bei anderthalb Gramm beginnt, wer Tabletten bestellt, erreicht die Schwelle also viel schneller als wer Ampullen bestellt. Zum anderen ist Clenbuterol mit 5,4 Milligramm der mit Abstand niedrigste Wert der ganzen Liste.

Bezugsgröße ist stets die freie Verbindung, so bestimmt es § 6 der Verordnung und so hat es auch das Landgericht München I entschieden (BeckRS 2020, 31978 Rn. 217). Bei einem veresterten Stoff (Testosteronpropionat, -enantat oder -decanoat etwa) muss deshalb umgerechnet werden. Bei den oralen Steroiden stellt sich diese Frage meist nicht, weil sie unverestert vorliegen.

Warum der Freizeitsportler erfasst ist

Wer Anavar nimmt, tut das im Studio und nicht im Wettkampf. Daraus wird in Foren regelmäßig gefolgert, ein Gesetz gegen Doping im Sport könne einen Freizeitsportler schon begrifflich nicht treffen. Diese Folgerung ist seit einer Entscheidung des 4. Strafsenats widerlegt: Beschluss vom 5. Dezember 2017, 4 StR 389/17 (StV 2018, 302 = BeckRS 2017, 138881). Erfasst ist nach dieser Entscheidung auch das Bodybuilding und der Kraftsport außerhalb jeder Wettkampfstruktur.

Tragend dafür ist das Schutzgut. Das Verbot dient hier nicht der Fairness im Wettbewerb, sondern dem Gesundheitsschutz der Allgemeinheit, weil aus einem Vorrat erfahrungsgemäß die Weitergabe erwächst. Der Hinweis, die Tabletten seien für niemanden sonst gedacht gewesen, nimmt dem Tatbestand deshalb nichts; Gewicht erhält er erst bei der Strafzumessung und bei der Einstellung. Die Begründung im Einzelnen und die Gegenstimmen aus der Literatur habe ich auf der Seite zu den Wachstumshormonen dargestellt.

Beim Selbstdoping verhält es sich genau umgekehrt, und das wird in Anklagen gelegentlich übersehen: Diese Strafbarkeit setzt nach § 4 Absatz 7 die Mitgliedschaft in einem Testpool oder erhebliche Einnahmen aus dem Sport voraus. Auf den Studiotrainierenden trifft beides nicht zu.

Anabole Steroide als bedenkliche Arzneimittel

Neben dem Anti-Doping-Gesetz läuft ein zweiter Strang über das Arzneimittelrecht. Bedenklich ist ein Arzneimittel nach § 5 Absatz 2 des Arzneimittelgesetzes, wenn der begründete Verdacht besteht, dass es bei bestimmungsgemäßem Gebrauch schädliche Wirkungen über ein vertretbares Maß hinaus hat. Das Inverkehrbringen bedenklicher Arzneimittel ist nach § 95 Absatz 1 Nummer 1 strafbar.

Für Metandienon hat der Bundesgerichtshof das ausdrücklich bejaht (BGH MedR 1999, 270 = StV 1998, 663). Bei den verbotenen anabolen Stoffen (genannt werden Metandienon, Oxymetholon, Stanozolol und Testosteron) sowie bei Stoffwechsel-Modulatoren wie Clomifen besteht der wissenschaftlich begründete Verdacht schädlicher Wirkungen über das vertretbare Maß hinaus.

Entscheidend ist der Maßstab für den bestimmungsgemäßen Gebrauch. Maßgeblich ist bei einem für Dopingzwecke hergestellten Präparat nicht, wozu das chemisch verwandte zugelassene Arzneimittel bestimmt ist, sondern was die Konsumenten mit dem Mittel tatsächlich tun (BGH PharmR 2020, 152; BGH NStZ-RR 2018, 50, 51). Für Metandienon heißt das konkret: Die therapeutische Dosis liegt bei zehn bis zwanzig Milligramm täglich, Bodybuilder nehmen bis zu hundertzwanzig. Maßstab ist die zweite Zahl.

Dieselbe Abgrenzungsfrage stellt sich bei Präparaten, die als Sportlernahrung verkauft werden. Wann aus einem Nahrungsergänzungsmittel ein Arzneimittel wird, entscheidet die pharmakologische Wirkung, nicht die Aufmachung der Dose.

Warum Anavar als Mittel für Frauen beworben wird

Kein anderes Steroid wird so gezielt an Frauen vermarktet. Das Argument lautet, Oxandrolon sei schwächer androgen und deshalb besser verträglich. In den Verfahren, die ich führe, ist etwa jede fünfte beschuldigte Person eine Frau, ein Anteil, den es bei Testosteron oder Trenbolon nicht gibt.

Rechtlich ändert das Geschlecht nichts. Die Schwelle von hundert Milligramm gilt unabhängig von der Person, und die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zum Freizeitsport unterscheidet nicht. Tatsächlich wiegt die Werbeaussage auch medizinisch in falscher Sicherheit: Bei Frauen kann die Einnahme anaboler Steroide zu Vermännlichung führen, zu Akne, Bartwuchs, dauerhaft tieferer Stimme, Rückgang der Brust, Unterdrückung der Eierstockfunktion und Ausbleiben der Monatsblutung. Ein Teil dieser Veränderungen bildet sich nach dem Absetzen nicht zurück.

Für die Verteidigung ist der Punkt gleichwohl brauchbar, nicht als Rechtfertigung, sondern bei der Strafzumessung und bei der Frage der Einstellung. Wer aus einer Fehlvorstellung über die Harmlosigkeit heraus bestellt hat und keinerlei Abgabehandlungen erkennen lässt, steht anders da als jemand, der mit Mengen für mehrere Personen hantiert.

Wie lange Oxandrolon nachweisbar ist

Für das Strafverfahren spielt der Nachweis im Körper nur selten eine Rolle. Dort geht es um die sichergestellte Ware, nicht um eine Blutprobe. Bedeutsam wird die Analytik aber in zwei anderen Zusammenhängen: bei sportrechtlichen Verfahren und dann, wenn der Beschuldigte bestreitet, überhaupt konsumiert zu haben.

Die oralen Steroide unterscheiden sich darin erheblich. Stanozolol galt lange als schwer nachweisbar und gehörte zu den Mitteln, die zu mehreren Todesfällen geführt haben. Mit den heutigen Methoden lassen sich die Stoffwechselprodukte dagegen über Wochen nachweisen, bei einzelnen Substanzen noch deutlich länger. Konkrete Zeitangaben gebe ich hier bewusst nicht an, weil sie von Dosis, Dauer der Anwendung, Darreichungsform und Empfindlichkeit des Labors abhängen und jede Zahl ohne diese Angaben irreführt.

Wichtig ist eine andere Unterscheidung: Ein positiver Befund belegt den Konsum, nicht den Besitz einer bestimmten Menge. Strafbar macht sich nach dem Anti-Doping-Gesetz nur, wer über eine bestimmte Menge tatsächlich verfügt hat. Aus einem Laborwert lässt sich diese Menge nicht zurückrechnen.

Welche Strafen in Betracht kommen

VorschriftTathandlungStrafrahmen
§ 4 Abs. 1 Nr. 3 AntiDopGVorrat, Erwerb oder Einfuhr von mehr als 100 mg Oxandrolonbis zu 3 Jahre oder Geldstrafe
§ 4 Abs. 1 Nr. 1 AntiDopGWeitergabe, Verkauf, Handel, eigene Herstellungbis zu 3 Jahre oder Geldstrafe
§ 4 Abs. 4 AntiDopGWeitergabe an Jugendliche; gewerbs- oder bandenmäßiges Vorgehen; grober Eigennutz1 bis 10 Jahre
§ 4 Abs. 5 AntiDopGminder schwerer Fall hierzu3 Monate bis 5 Jahre
§ 4 Abs. 6 AntiDopGfahrlässige Begehungbis zu 1 Jahr oder Geldstrafe
§ 95 Abs. 1 Nr. 1 AMGein bedenkliches Arzneimittel in Verkehr bringenbis zu 3 Jahre oder Geldstrafe
§ 96 Nr. 4 AMGgewerbs- oder berufsmäßige Einfuhr aus einem Drittlandbis zu 1 Jahr oder Geldstrafe
§ 97 Abs. 2 Nr. 8 AMGVerbringen aus einem EU- oder EWR-Staat entgegen § 73 Abs. 1 AMGGeldbuße

Eine Zeile dieser Tabelle entscheidet darüber, ob aus einem Vergehen ein Verbrechen wird. Die Verweisung in Absatz 4 Nummer 2 ist nach ihrem Wortlaut allein an die Nummern 1 und 2 des ersten Absatzes angehängt, also an Handel und Anwendung bei Dritten. Ein Vorrat nach Nummer 3 fällt nicht darunter, wie groß er auch ausfällt. Eine Anklage, die beides vermischt, greift zu hoch, diesen Punkt prüfe ich in jedem Steroidverfahren zuerst. Die Einzelheiten dazu finden Sie bei den Wachstumshormonen.

Hinzu tritt die Einziehung. § 5 des Anti-Doping-Gesetzes erklärt § 74a des Strafgesetzbuchs für anwendbar, sodass unter den dortigen Voraussetzungen auch Gegenstände Dritter erfasst werden können.

Wenn der Zoll das Paket anhält

Anavar kommt nicht aus der Apotheke, sondern aus dem Versandhandel jenseits der Grenze, und damit auf einem Weg, den der Zoll beobachtet. Pakete aus den bekannten Herkunftsländern werden gezielt herausgezogen und geöffnet. Fällt die Untersuchung des Inhalts positiv aus, ist der Empfänger Beschuldigter, bevor er von dem Verfahren überhaupt weiß.

Dass dabei nicht erst große Mengen auffallen, zeigt ein im Kommentar geschilderter Vorgang: Ein Paket mit Anabolika aus den Vereinigten Staaten wurde angehalten, blieb aber unter den Werten der Verordnung. Eine Strafbarkeit nach § 96 Nummer 4 des Arzneimittelgesetzes scheiterte daran; übrig blieb die Prüfung einer Ordnungswidrigkeit. Über die Menge entscheidet sich also nicht, ob kontrolliert wird, sondern nur, was auf die Kontrolle folgt.

Wie der Vorgang danach weiterläuft und warum der Anhörungsbogen unbeantwortet bleibt, steht hier: Post vom Zoll. Was der Brief bedeutet und der Anhörungsbogen vom Zoll.

Welche Aussichten auf eine Einstellung bestehen

Der Ersttäter mit einer überschaubaren Menge und ohne Hinweise auf Weitergabe erhält in der Regel eine Einstellung, meist nach § 153a, bei kleinen Mengen auch nach § 153 der Strafprozessordnung. Ob die Voraussetzungen dafür vorliegen, hängt davon ab, wie die Akte zum Zeitpunkt der staatsanwaltschaftlichen Entscheidung aussieht.

Ungünstig wirken mehrere Bestellungen in kurzer Folge, Portionierungsmaterial, Preislisten und Nachrichten mit Mengenangaben. Wer solche Spuren hinterlassen hat, steht im Handelsvorwurf, und dort beginnt der Verbrechensbereich.

Besonders betroffen sind Berufsgruppen mit Zuverlässigkeitsanforderungen: Polizei, Bundeswehr, Sicherheitsgewerbe, Gesundheitswesen. Dort ist nicht die Höhe der Geldauflage das Problem, sondern die Eintragung. Die Einstellung ohne Eintragung ist in diesen Fällen das eigentliche Verteidigungsziel.

Ein Mandat aus meiner Praxis

Ein Mandant Ende zwanzig hatte bei einem Anbieter im Ausland hundert Tabletten bestellt, ausgewiesen als Anavar zu zehn Milligramm. Rechnerisch waren das tausend Milligramm Oxandrolon, das Zehnfache der Schwelle. Die Staatsanwaltschaft ging von einem glatten Verstoß gegen § 4 Absatz 1 Nummer 3 des Anti-Doping-Gesetzes aus.

Die Analyse ergab etwas anderes. Die Tabletten enthielten kein Oxandrolon, sondern eine deutlich geringere Menge Stanozolol, gefälschte Ware, wie sie auf diesem Markt die Regel ist. Damit stand die Berechnung der Anklage auf einem Wirkstoff, der gar nicht enthalten war. Das Verfahren endete nach § 153a der Strafprozessordnung mit einer Geldauflage im unteren Bereich.

Der Fall ist in den Einzelheiten verändert. Was er zeigt, gilt allgemein: Die Packungsaufschrift ist keine Tatsachenfeststellung. Wer in diesem Verfahren nicht nach dem Analysebericht fragt, verschenkt den wichtigsten Punkt.

Was nach der Sicherstellung schiefgeht

  • Den Anhörungsbogen zurückschicken: Niemand muss sich äußern. Wer es dennoch tut, ergänzt die Akte meist um genau die Angaben, die ihr bis dahin fehlten.
  • Die Stückzahl nennen. Über die Strafbarkeit entscheidet der Wirkstoffgehalt, und den ergibt erst die Analyse. Eine Angabe wie „hundert Tabletten zu zehn Milligramm“ nimmt der Staatsanwaltschaft die Rechenarbeit ab, und kann zu hoch ausfallen, wenn in den Tabletten gar kein Oxandrolon steckte.
  • Sich auf die Packungsaufschrift berufen: Bei diesen Präparaten ist sie erfunden. Wer sie zur eigenen Entlastung heranzieht, bestätigt damit zugleich die Mengenrechnung der Anklage.
  • Den Trainingspartner erwähnen: Damit verschiebt sich der Vorwurf vom Vorrat zur Weitergabe, und erst die Weitergabe trägt die Qualifikation.
  • Erneut bestellen: Die zweite Sendung macht aus einem einmaligen Vorgang ein fortgesetztes Verhalten.
  • Auf Nachsicht wegen Eigengebrauchs setzen. Der Eigengebrauch lässt den Tatbestand unberührt; Bedeutung erlangt er erst bei der Frage der Einstellung.

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Häufige Fragen zu Anavar

Ist Anavar in Deutschland legal?

Mit ärztlicher Verschreibung ja, ohne Rezept nein. Oxandrolon ist verschreibungspflichtig, und der Erwerb ohne Verordnung verstößt gegen das Arzneimittelrecht. Oberhalb von hundert Milligramm tritt das Anti-Doping-Gesetz hinzu, und damit die Strafdrohung des § 4 Absatz 1 Nummer 3.

Ab wie vielen Tabletten wird es strafbar?

Das hängt vom Wirkstoffgehalt ab, nicht von der Stückzahl. Bei Tabletten zu zehn Milligramm ist die Schwelle von hundert Milligramm rechnerisch mit zehn Tabletten erreicht, bei zwanzig Milligramm mit fünf. Maßgeblich ist allerdings der tatsächliche Gehalt laut Analyse, nicht die Angabe auf der Packung.

Was ist, wenn gar kein Oxandrolon drin war?

Dann ist die Berechnung der Anklage falsch. Enthielt das Präparat einen anderen Stoff, gilt dessen Schwelle; enthielt es zu wenig Wirkstoff, kann die Schwelle unterschritten sein. Als Anavar verkaufte Fälschungen enthalten nach den Erkenntnissen der Praxis häufig Stanozolol. Der Analysebericht ist deshalb das erste Dokument, das ich in diesen Verfahren anfordere.

Gilt das auch, wenn ich nur im Fitnessstudio trainiere?

Ja, soweit es um den Vorrat geht. Der 4. Strafsenat hat 2017 ausdrücklich auch das Training im Studio dem Sportbegriff des Gesetzes zugeordnet (4 StR 389/17). Beim Selbstdoping ist es umgekehrt: Dort verlangt § 4 Absatz 7 eine Testpool-Mitgliedschaft oder nennenswerte Einnahmen aus dem Sport, was auf Freizeitsportler nicht zutrifft.

Verliere ich meinen Führerschein?

Nein. Die Fahrerlaubnisbehörde knüpft an berauschende Mittel an; anabole Steroide zählen nicht dazu und werden von Nummer 9.1 der Anlage 4 zur Fahrerlaubnis-Verordnung nicht erfasst. Ein Dopingverfahren allein kostet den Führerschein also nicht. Etwas anderes gilt erst, wenn bei derselben Gelegenheit Betäubungsmittel gefunden werden.

Muss ich mit einer Durchsuchung rechnen?

Bei einer einzelnen Sendung im unteren Mengenbereich eher nicht. Das Risiko steigt bei größeren Mengen, bei wiederholten Bestellungen und dann, wenn aus der Bestellung Zahlungsdaten, Chatverläufe oder Lieferadressen gesichert werden konnten.

Normen und Fundstellen

Rechtsprechung im Einzelnen: BGH MedR 1999, 270 = StV 1998, 663 (Metandienon als bedenkliches Arzneimittel) · BGH PharmR 2020, 152 sowie BGH NStZ-RR 2018, 50, 51 (Maßstab des bestimmungsgemäßen Gebrauchs) · BGH, Beschluss vom 5.12.2017, 4 StR 389/17 = StV 2018, 302 = BeckRS 2017, 138881 (Sportbegriff) · LG München I BeckRS 2020, 31978 Rn. 217 (freie Verbindung als Bezugsgröße).

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Liegt eine Mitteilung des Zolls auf dem Tisch oder ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen eines Steroidvorgangs, sehe ich mir die Unterlagen ohne Kosten an. Der richtige Zeitpunkt dafür ist vor der ersten eigenen Äußerung. Senden Sie mir die Schreiben zu; das Weitere klären wir im Gespräch.

Björn Schüller, Rechtsanwalt in Bremen, verteidigt bundesweit in Verfahren nach dem Arzneimittel- und dem Anti-Doping-Gesetz sowie im Betäubungsmittel- und Zollstrafrecht.

Welche Schritte ein Betäubungsmittelverfahren durchläuft und wo die Stellschrauben liegen, habe ich zusammengefasst: Strafverteidigung im Betäubungsmittelrecht.

Über den Autor

Björn Schüller

ist Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Bremen, seit fünfzehn Jahren im Betäubungsmittel-, Cannabis-, Zoll- und Fahrerlaubnisrecht tätig. Verteidigung bundesweit.

Bild von Dipl. Jur. Björn Schüller

Dipl. Jur. Björn Schüller

Hochspezialisierter Rechtsanwalt und Strafverteidiger mit über 15 Jahren Erfahrung im Bereich Drogen und Recht.

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Strafverteidiger für Betäubungsmittelrecht Björn Schüller aus Bremen