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Amphetamin BtMG: Speed, Grenzwerte und die Einfuhr
Amphetamin Zoll-Fälle zählen zu den Konstellationen, bei denen sich Mandanten besonders oft rechtlich falsch einschätzen. Der Grund: Ein Onlineshop im Ausland verkauft eine kleine Menge Speed, das Päckchen wird bestellt, bezahlt, und bleibt beim deutschen Zoll hängen. Statt der Ware kommt ein Anhörungsschreiben des Hauptzollamts: Sicherstellung, Ermittlungsverfahren, Vorladung.
Weil Amphetamin in der Apotheke auf Rezept erhältlich ist (etwa bei ADHS), wirkt der Vorwurf auf viele Betroffene zunächst übertrieben. Dieser Eindruck täuscht. Als Rechtsanwalt und Strafverteidiger mit Schwerpunkt Betäubungsmittelstrafrecht/Drogen ordne ich im Folgenden ein, weshalb die Bestellung trotzdem strafbar ist, welche Konsequenzen realistisch drohen und wie sich eine Verteidigung aufbauen lässt.
Das Wichtigste in Kürze
- Amphetamin steht in Anlage III des Betäubungsmittelgesetzes und ist damit verkehrsfähig und verschreibungsfähig, was Einwände eröffnet, die bei Stoffen der Anlage I ausscheiden.
- Ohne Erlaubnis bleibt die Einfuhr ein Vergehen nach § 29 Abs. 1 Nr. 1 BtMG mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe.
- Die nicht geringe Menge beginnt bei zehn Gramm Amphetaminbase; oberhalb dieses Werts gilt § 30 Abs. 1 Nr. 4 BtMG mit einer Mindestfreiheitsstrafe von zwei Jahren.
- Weil Straßen-Speed häufig stark gestreckt ist, entscheidet der im Gutachten ausgewiesene Wirkstoffgehalt und nicht das Gewicht der Sendung.
- Bei einer geringen Menge zum Eigenverbrauch kann die Staatsanwaltschaft nach § 31a BtMG einstellen, bei fehlendem Nachweis nach § 170 Abs. 2 StPO.
- Die Fahrerlaubnisbehörde ordnet nach § 14 Abs. 1 FeV ein Gutachten an und entzieht die Fahrerlaubnis nach § 3 Abs. 1 StVG und § 46 Abs. 1 FeV, ohne dass eine Fahrt vorliegen muss.
- Eine Fahrt unter Amphetamin erfüllt § 24a Abs. 2 StVG und bei Ausfallerscheinungen § 316 StGB.
Inhaltsverzeichnis
- Das Wichtigste in Kürze
- Amphetamin Zoll: Was der Vorwurf im Schreiben bedeutet
- Warum bleibt die Bestellung strafbar, obwohl Amphetamin ein Medikament ist?
- Wo verläuft die Grenze zwischen Vergehen und Verbrechen?
- Wie läuft ein Amphetamin Zoll-Verfahren ab?
- Zwei Verläufe aus meinen Akten
- Was Betroffene nach dem Schreiben falsch machen
- Wo die Verteidigung ansetzt
- Wie lange Amphetamin im Körper nachweisbar ist
- Amphetamin Zoll-Verfahren und die Fahrerlaubnisbehörde
- Was die MPU nach einem Amphetamin-Verfahren verlangt
- Sonderfall: positiver Amphetamin-Schnelltest bei einer Verkehrskontrolle
- Fragen aus der Praxis
- Warum die medizinische Zulassung nichts an der Strafbarkeit ändert
- Gesetzestexte und weiterführende Quellen
- Kostenlose Ersteinschätzung
Amphetamin Zoll: Was der Vorwurf im Schreiben bedeutet
In den Anhörungsschreiben taucht zunächst regelmäßig § 372 der Abgabenordnung auf, der sogenannte Bannbruch, ein allgemeiner zollrechtlicher Auffangtatbestand für die Einfuhr verbotener Waren jeder Art. Sobald die Substanz im Labor als Amphetamin identifiziert ist, verliert dieser Auffangtatbestand seine Bedeutung: Eine gesetzliche Subsidiaritätsregel lässt ihn hinter das spezifischere Betäubungsmittelgesetz zurücktreten. Die Akte wandert dann von der Zollverwaltung zur zuständigen Staatsanwaltschaft, und üblicherweise folgt eine förmliche Ladung zur Vernehmung als Beschuldigter.
Warum bleibt die Bestellung strafbar, obwohl Amphetamin ein Medikament ist?
Genau das macht Amphetamin Zoll-Fälle rechtlich tückisch: Der Gesetzgeber hat Amphetamin in Anlage III des BtMG eingeordnet und damit als „verkehrsfähig und verschreibungsfähig“ eingestuft.
Praktisch heißt das: Ein Arzt darf die Substanz (etwa bei ADHS oder Narkolepsie) über ein BtM-Rezept verordnen, eine Apotheke darf sie auf diesem Weg abgeben. Diese Ausnahme ist jedoch eng an den kontrollierten Weg über Arzt und Apotheke in Deutschland geknüpft. Eine Bestellung bei einem ausländischen Anbieter ohne Rezept und ohne behördliche Erlaubnis fällt aus diesem legalen Korridor komplett heraus. Damit bleibt es unabhängig von der bestellten Menge bei einer Strafbarkeit nach § 29 Abs. 1 Nr. 1 BtMG.
Anders liegt der Fall beim chemisch verwandten Methamphetamin (Crystal Meth): Dieses ist zwar ebenfalls verkehrsfähig, aber gerade nicht verschreibungsfähig, sodass es für Privatpersonen von vornherein keinen legalen Bezugsweg gibt.
Wo verläuft die Grenze zwischen Vergehen und Verbrechen?
Für den Grundtatbestand sieht § 29 Abs. 1 Nr. 1 BtMG Freiheitsstrafe bis fünf Jahre oder Geldstrafe vor. Ob es dabei bleibt, hängt fast ausschließlich von der im Labor festgestellten Wirkstoffmenge ab: Oberhalb von 10 Gramm reiner Amphetaminbase greift nach gefestigter Rechtsprechung der Verbrechenstatbestand des § 30 Abs. 1 Nr. 4 BtMG, mit einer Mindestfreiheitsstrafe von zwei Jahren, die nur in eng begrenzten Ausnahmekonstellationen unterschritten werden kann.
Wichtig für die Einordnung: Straßen-Speed ist selten rein, der Wirkstoffanteil liegt oft nur zwischen 5 und 20 Prozent. Eine auf den ersten Blick große Sendung kann deshalb weit unter der 10-Gramm-Schwelle liegen. Umgekehrt lässt sich aus dem Bruttogewicht allein nie verlässlich auf die strafrechtlich relevante Reinsubstanz schließen. Genau an diesem Punkt lohnt sich eine kritische Prüfung des Laborgutachtens.
Wie läuft ein Amphetamin Zoll-Verfahren ab?
Wird eine Sendung im Zuge einer Röntgenkontrolle, durch einen Spürhund oder per Stichprobe auffällig, sichert der Zoll sie und lässt den Inhalt analysieren. Bestätigt sich Amphetamin, geht der Vorgang an die Staatsanwaltschaft. Der Adressat erhält meist zeitnah ein Anhörungsschreiben samt Vorladung und häufig einem Personalbogen zum Ausfüllen. Wichtig direkt zu Beginn: Weder gegenüber dem Zoll noch in diesem Bogen sollten ungeprüft Angaben gemacht werden, bevor ein Anwalt Akteneinsicht hatte.
Zwei Verläufe aus meinen Akten
Der Sachverhalt ist in Details verändert und lässt keinen Rückschluss auf Beteiligte zu.
In einem typischen Amphetamin Zoll-Fall hatte ein Mandant eine geringe Menge Speed bestellt; die Lieferadresse war eine von mehreren Bewohnern gemeinsam genutzte Wohnungstür ohne erkennbaren Empfängernamen. Da sich aus der Akte keine eindeutige Zuordnung zu meinem Mandanten herleiten ließ, endete das Verfahren mit einer Einstellung mangels hinreichenden Tatverdachts nach § 170 Abs. 2 StPO.
In einem zweiten Fall war die Bestellung über ein persönliches Nutzerkonto klar zurückzuverfolgen; die im Labor bestimmte Menge blieb aber deutlich unter dem später ermittelten Wirkstoffwert der Sendung, sodass bei ausschließlichem Eigenkonsum und ohne Vorstrafen eine Einstellung nach § 31a BtMG gelang. In einem dritten Verfahren revidierte die genaue Laboranalyse die vom Zoll zunächst grob geschätzte Wirkstoffmenge deutlich nach unten, mit spürbaren Auswirkungen auf die Straferwartung.
Was Betroffene nach dem Schreiben falsch machen
Ein häufiger Denkfehler in Amphetamin Zoll-Fällen: Weil Amphetamin ärztlich verschrieben werden kann, halten manche Betroffene die eigene Bestellung für ein Bagatellthema und äußern sich entsprechend sorglos gegenüber dem Zoll. Andere erklären ungefragt, die Substanz sei „nur zum Wachbleiben beim Lernen“ gedacht gewesen, strafrechtlich spielt der Konsumzweck keine Rolle, die Aussage wird aber trotzdem als Bestätigung der Bestellung gewertet. Wieder andere machen vorschnelle Angaben zur vermeintlichen Menge, bevor überhaupt ein belastbarer Laborbefund vorliegt, und schwächen damit unnötig die eigene Verteidigungsposition.
Wo die Verteidigung ansetzt
Bei einem Amphetamin Zoll-Vorwurf gilt, wie bei praktisch jeder Substanz dieser Reihe: Wer als Empfänger auf dem Paket steht, hat die Bestellung damit noch nicht bewiesenermaßen aufgegeben. Bei Wohngemeinschaften, Mehrparteienhäusern oder gemeinsam genutzten Packstationen fehlt es häufig an einem zweifelsfreien Tatnachweis, ein klassischer Ansatz für eine Einstellung nach § 170 Abs. 2 StPO. In einem Verfahren aus meiner Praxis ging es sogar um mehrere hundert Gramm Amphetamin an eine Paketannahmestelle mit mehreren Abholberechtigten, und die Staatsanwaltschaft Aachen stellte trotz des Verbrechensvorwurfs nach § 170 Abs. 2 StPO ein.
Steht die Bestellung dagegen fest, kommt bei kleineren Mengen zum Eigenkonsum eine Einstellung nach § 31a BtMG infrage. Für die dort vorausgesetzte „geringe Menge“ haben einzelne Bundesländer eigene Richtwerte veröffentlicht:
| Bundesland | Richtwert „geringe Menge“ Amphetamin |
|---|---|
| Bremen | ca. 1,6 g |
| Hessen | ca. 2,5 g |
| Schleswig-Holstein | ca. 3 g |
Diese Angaben sind verwaltungsinterne Richtlinien der jeweiligen Landesjustiz, keine bundesweit einheitlichen gesetzlichen Grenzwerte, und ändern sich mitunter, vor Verwendung im Einzelfall sollte man sie bei der zuständigen Staatsanwaltschaft absichern. Für zahlreiche weitere Bundesländer existieren keine vergleichbar veröffentlichten Werte, zudem wird § 31a BtMG bei harten Drogen erfahrungsgemäß zurückhaltender gehandhabt als bei Cannabis.
Eigene Seiten gibt es zu Ketamin, zu Methylphenidat und zu Modafinil. Zur Einordnung von Captagon siehe die Seite zu Captagon.
Wie lange Amphetamin im Körper nachweisbar ist
Hier liegen belastbare Zahlen vor, denn Amphetamin gehört zu den wenigen Stoffen, die in den Nachweistabellen der Beurteilungskriterien ausdrücklich geführt werden. Entscheidend ist die Matrix: Das Blut zeigt den akuten Zustand, der Urin die letzten Tage, das Haar die letzten Monate.
| Blut oder Serum | Urin | Haar | |
|---|---|---|---|
| Amphetamin | 12 bis 16 Stunden, gelegentlich über 24 | 2 bis 9 Tage, stark vom pH-Wert des Urins abhängig | je Zentimeter ein Monat, höchstens sechs Zentimeter |
| Metamfetamin | 12 bis 16 Stunden, gelegentlich über 24 | 2 bis 9 Tage | je Zentimeter ein Monat |
| MDMA, MDA, MDE | 12 bis 16 Stunden, gelegentlich über 24 | 2 bis 9 Tage | je Zentimeter ein Monat |
Verlässlich ist an diesen Zahlen nur die Größenordnung. Ob eine Probe anschlägt, entscheiden Menge und Häufigkeit des Konsums, die Aufnahmeform, der eigene Stoffwechsel und die Nachweisgrenze des verwendeten Verfahrens. Wer die Tabelle als Fahrplan liest, täuscht sich in beide Richtungen.
Die Entscheidungsgrenzen für die Abstinenzkontrolle liegen bei Amphetamin und Metamfetamin im Urin bei 30 Nanogramm je Milliliter und im Haar bei 0,1 Nanogramm je Milligramm; für MDMA, MDA und MDEA gelten im Urin 50 Nanogramm je Milliliter bei gleichem Haarwert. Ein Messwert darunter gilt als negativ.
Bemerkenswert ist die Spannbreite im Urin. Amphetamin ist eine schwache Base; bei saurem Urin wird es rasch ausgeschieden, bei alkalischem sehr viel langsamer. Zwei Menschen mit derselben Dosis können deshalb um Tage auseinanderliegen. Wer aus einem positiven Befund auf eine bestimmte Konsummenge oder einen bestimmten Zeitpunkt schließt, überdehnt die Analytik, und genau das steht in Bescheiden häufig.
Für den Abstinenzbeleg ist die gute Nachricht, dass die Amphetamine zum Standardumfang eines polytoxikologischen Screenings gehören, anders als etwa Tilidin, Tramadol oder die Z-Substanzen, die eine gesonderte Beauftragung des Labors verlangen (Mußhoff/Madea, NZV 2008, 485). Wie lange ein Nachweis gelingt, hängt gleichwohl von der Empfindlichkeit der Methode und dem Cut-off des Labors ab (ebenda, 487). Wie ein Beleg aufgebaut sein muss, damit er zählt, steht unter Abstinenznachweis: Fristen nach den Beurteilungskriterien.
Amphetamin Zoll-Verfahren und die Fahrerlaubnisbehörde
Die Fahrerlaubnisbehörde führt ein eigenes Verfahren nach § 3 Abs. 1 StVG, § 46 Abs. 1 FeV und der Anlage 4. Sie ist an den Ausgang des Strafverfahrens nicht gebunden, und sie wird auch dann tätig, wenn niemand gefahren ist (VGH München NJW 2021, 3408).
Der Weg der Information: Nr. 45 MiStra
Der Weg zur Führerscheinstelle führt über die Akte, nicht über den Straßenverkehr. Wird das Strafverfahren nach § 170 Abs. 2 StPO eingestellt, gilt der Besitz gerade nicht als erwiesen und es bleibt bei nichts. Jede andere Erledigung (die Einstellung nach § 31a BtMG eingeschlossen) löst die Mitteilung nach Nr. 45 MiStra aus.
Die Aufforderung, die dann eintrifft, verlangt ein ärztliches Gutachten und stützt sich auf § 14 Abs. 1 Satz 2 FeV. Zwei Anforderungen sind darin oft nicht erfüllt: der konkrete Nachweis des Besitzes und die erkennbare Ausübung des Ermessens, das die Vorschrift der Behörde einräumt (VGH München NJW 2021, 3408; VRS 139, 48). Wer sie ungeprüft befolgt, verschenkt die Möglichkeit, dem Schluss nach § 11 Abs. 8 Satz 1 FeV später entgegenzutreten. Woran eine solche Aufforderung scheitert: Anforderungen an eine MPU-Anordnung.
Nr. 9.1 der Anlage 4 und die einmalige Einnahme
Amphetamin ist Betäubungsmittel im Sinne des BtMG, anders als Cannabis, das seit 2024 eigenständig im KCanG geregelt ist. Damit gilt Nr. 9.1 der Anlage 4 in ihrer strengsten Lesart: Ein nachgewiesener Konsum genügt, gleichgültig wie viel, wie oft und ob überhaupt gefahren wurde (BVerwG, Beschluss vom 11.4.2019, 3 C 9.18, BeckRS 2019, 19966 Rn. 30; OVG Bautzen BeckRS 2020, 34679). Nach § 11 Abs. 7 FeV braucht die Behörde dafür kein Gutachten: Entziehung der Fahrerlaubnis durch die Behoerde.
Damit rückt die Beweisfrage in den Mittelpunkt. Für die unmittelbare Entziehung darf kein vernünftiger Zweifel am Konsum bestehen (OVG Saarlouis zfs 2016, 234), eine Sendung, die nie angekommen ist, belegt keinen. Der Versuch der Einnahme ist noch keine Einnahme im Sinne der Nr. 9.1 (OVG Lüneburg, Beschluss vom 4.7.2017, 12 ME 77/17, BeckRS 2017, 116186). Und liegt der Vorgang mehr als drei Jahre zurück, lässt sich daraus keine aktuelle Einnahme mehr herleiten (VG Weimar BA 2021, 119).
Woher die Behörde ihre Gewissheit bezieht, ist damit die eigentliche Frage. In der Regel ist es der Serumbefund nach einer Verkehrskontrolle, und der ist angreifbar: Die Blutprobe nach § 81a StPO.
Die Ausnahme der Vorbemerkung 3
Vorbemerkung 3 der Anlage 4 lautet: Die vorgenommenen Bewertungen gelten für den Regelfall. Kompensationen durch besondere menschliche Veranlagung, durch Gewöhnung, durch besondere Einstellung oder durch besondere Verhaltenssteuerungen und -umstellungen sind möglich.
Bei ärztlich verordnetem Amphetamin (etwa bei einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung) greift dieser Weg unmittelbar, denn dann gehen Nr. 9.4 und Nr. 9.6.2 der Anlage 4 vor (OVG Bautzen BA 2009, 296; VGH Mannheim NZV 2013, 261). Die Verordnung und der Behandlungsverlauf gehören in diesem Fall vollständig in die Akte, und zwar vor dem Bescheid.
Ohne Verordnung trägt keine Gewöhnung an den Stoff, wohl aber die Verhaltensumstellung: ein belegter Verzicht, ein verändertes Umfeld und eine nachvollziehbare Distanz zu den Zusammenhängen, in denen konsumiert wurde. Weil Nr. 9.1 die einmalige Einnahme genügen lässt, ist das oft der einzige Weg, der offensteht.
Ordnungswidrigkeit, Straftat und Entziehung nebeneinander
Bei Amphetamin greift der Bußgeldtatbestand, anders als bei den meisten Stoffen, die auf dieser Seite vorkommen. Die Anlage zu § 24a StVG führt Amfetamin auf, daneben Heroin mit der Substanz Morphin, Morphin selbst, Cocain mit Cocain und Benzoylecgonin, die Designer-Amfetamine MDA, MDE und MDMA sowie Metamfetamin. Nachweisbarer Wirkstoff im Blut genügt; auf Fahrfehler kommt es nicht an.
Zwei Punkte dazu, die im Bescheid regelmäßig verschwimmen. Die Anlage besteht aus zwei Spalten mit Stoffnamen und enthält keine Zahlen; was als Grenzwert genannt wird, sind Empfehlungen der Grenzwertkommission. Gesetzlich festgeschrieben ist ein Wert allein für THC, nämlich 3,5 ng/ml Blutserum in § 24a Abs. 1a StVG. Und § 24a Abs. 4 StVG nimmt die bestimmungsgemäße Einnahme eines für einen konkreten Krankheitsfall verschriebenen Arzneimittels aus. Bei Amphetamin ist das kein theoretischer Fall, sondern der ADHS-Patient. Vorgetragen und belegt werden muss es aber.
Der Straftatbestand steht daneben und wiegt schwerer: § 316 StGB fragt nach relativer Fahruntüchtigkeit, einen Wert der absoluten Fahrunsicherheit kennt die Rechtsprechung für diese Stoffe nicht (BGHSt 44, 219). Eine Verurteilung führt über § 69 Abs. 2 Nr. 2 StGB zur Entziehung.
Für die Fahrt selbst gilt eine eigene Vorschrift. Das Listenprinzip des § 24a Abs. 2 StVG und die dazu festgelegten Werte habe ich unter Drogenfahrt und analytische Grenzwerte dargestellt; zur Vertretung im Verfahren Fahrerlaubnisrecht und Verkehrsrecht in Bremen.
Was die MPU nach einem Amphetamin-Verfahren verlangt
Nach der Entziehung entscheidet nicht mehr die Behörde, sondern die Begutachtungsstelle. § 14 Abs. 2 FeV schreibt die medizinisch-psychologische Untersuchung zwingend vor (BVerwG NJW 2005, 3081); fällig wird sie, sobald gegen die Entziehung nichts mehr zu machen ist (OVG Greifswald BA 2013, 141).
Der Prüfmaßstab ist nicht toxikologisch, sondern psychologisch: Verlangt wird ein tragfähig veränderter Umgang mit der Substanz (BVerwG NJW 2005, 3440), und eine Mappe voller Abstinenzbelege liefert diesen Nachweis nicht von selbst (VG Gelsenkirchen BA 2010, 372). Wer das erst im Wartezimmer erfährt, hat den teureren Teil der Vorbereitung versäumt. Zur Anordnung: Anforderungen an eine MPU-Anordnung, zur Fragestellung: Fragestellung der MPU, zum Sofortvollzug: Eilantrag nach § 80 Abs. 5 VwGO.
Wie lange Abstinenz belegt sein muss
Die eine Abstinenzfrist gibt es nicht. Zwischen sechs und fünfzehn Monaten liegt alles, und was gilt, hängt allein daran, welcher von vier Hypothesen der Gutachter den Fall zuordnet. Diese Zuordnung fällt am Anfang der Begutachtung.
- D 1 steht für die diagnostizierte Abhängigkeit.
- D 2 für ein verfestigtes Konsummuster, dem die Diagnose fehlt.
- D 3 für die Drogengefährdung, also den riskanten Gebrauch vor dieser Verfestigung.
- D 4 ist auf Cannabis zugeschnitten und bleibt bei Amphetamin unbeachtet.
Wie lange belegt werden muss, entscheidet die zugrunde gelegte Hypothese und nicht der Stoff. Die Spanne reicht von drei Monaten nach einer ambulanten Maßnahme bis zu insgesamt fünfzehn Monaten, wenn die Abstinenz ohne therapeutische Aufarbeitung geltend gemacht wird. Alle Hypothesen und Indikatoren mit den jeweiligen Zeiträumen finden Sie im Abstinenznachweis.
Die einschlägige Zahl ist sechs, nicht zwölf. Indikator 1 zu Kriterium D 3.6 N stellt darauf ab, dass der Verzicht zum Zeitpunkt der Begutachtung mindestens sechs Monate zurückreicht. Ein Jahr wird verlangt, wenn die Problematik über Jahre bestand. Die Jahresfrist der Nr. 9.5 der Anlage 4 FeV klingt zwar allgemein, gilt aber nur nach Entgiftung und Entwöhnung und damit im Bereich von D 1. Sie ist keine Untergrenze für alle Fälle. Was als Beleg anerkannt wird: Abstinenznachweis: Fristen nach den Beurteilungskriterien.
Verkehrspsychologe oder Suchttherapeut
An derselben Zuordnung hängt, welche Vorbereitung überhaupt anerkannt wird. Hier geht in diesen Verfahren das meiste Geld verloren.
Kriterium C.5.2.4 ordnet die Maßnahmen den Hypothesen zu: Für die Hypothesen D 4 bis D 2 ist in der Regel die fahreignungsfördernde Intervention indiziert, eine verkehrspsychologische Maßnahme. Ein Suchttherapeut wird dort nicht verlangt.
Erst wenn eine Abhängigkeit diagnostiziert ist, verschiebt sich das Bild: Dann steht die Suchttherapie vorn, und die fahreignungsfördernde Intervention tritt nach demselben Kriterium als Ergänzung daneben.
In der Praxis sieht der Fehler so aus: Nach der abgefangenen Sendung sucht der Betroffene ohne Abhängigkeitsdiagnose eine Suchtberatung auf. Er legt am Ende eine Bescheinigung vor, die zu einer anderen Hypothese gehört als zu seiner, und liefert der Behörde damit ein Argument, das sie von selbst nicht gehabt hätte.
Was die Beurteilungskriterien in C.5.4.2.1 verlangen, ist eine Qualifikation und kein Zertifikat aus dem Internet: Diplom oder gleichwertiger Master in Psychologie mit verkehrspsychologischer Fortbildung, ersatzweise die Zertifizierung als Fachpsychologe für Verkehrspsychologie. Der suchttherapeutische Zweig (fortgebildete Psychologen, suchtmedizinisch qualifizierte Ärzte) setzt eine Substanzgebrauchsstörung und die Einbindung in eine Suchthilfeeinrichtung voraus. Welche Gegenanzeigen daneben gelten: Abstinenznachweis: Fristen nach den Beurteilungskriterien.
Sonderfall: positiver Amphetamin-Schnelltest bei einer Verkehrskontrolle
Nicht jeder Amphetamin-Vorwurf entsteht durch eine abgefangene Sendung. Bei Verkehrskontrollen kommt es gelegentlich zu positiven Schnelltests, obwohl nie Amphetamin konsumiert oder bestellt wurde, ausgelöst durch bestimmte zugelassene Medikamente oder deren Abbauprodukte. Da diese Konstellation rechtlich und tatsächlich völlig anders gelagert ist als eine Zoll-Sicherstellung, behandle ich sie ausführlich in einem eigenen Beitrag.
Fragen aus der Praxis
Macht die medizinische Zulassung von Amphetamin die private Bestellung nicht zu einer Kleinigkeit?
Nein. Das ist der häufigste Irrtum in Amphetamin Zoll-Fällen: Legal ist ausschließlich der Weg über Arzt und Apotheke mit BtM-Rezept. Eine private Auslandsbestellung liegt außerhalb dieses Rahmens und bleibt strafbar.
Ab welcher Menge ist eine Bewährungsstrafe praktisch ausgeschlossen?
Ab 10 Gramm reiner Amphetaminbase greift der Verbrechenstatbestand mit Mindestfreiheitsstrafe von einem Jahr nach § 30 Abs. 1 Nr. 4 BtMG. Da Straßen-Speed oft stark gestreckt ist, entscheidet erst die Laboranalyse über die tatsächliche Einordnung.
Bin ich verpflichtet, den beigefügten Personalbogen auszufüllen?
Nein. Lassen Sie ihn vor jeder Reaktion anwaltlich prüfen und äußern Sie sich gegenüber dem Zoll zunächst nicht zur Sache.
Bewahrt mich eine Einstellung nach § 31a BtMG auch vor Konsequenzen für den Führerschein?
Nein. Bei dieser Einstellung steht der Besitz (anders als bei § 170 Abs. 2 StPO) bereits fest. Wird das Verfahren nicht nach § 170 Abs. 2 StPO beendet, folgt regelmäßig die Anordnung einer Konsummusteranalyse nach § 14 Abs. 1 Satz 2 FeV, die sich mit anwaltlicher Begleitung aber oft gut bewältigen lässt.
Was gilt, wenn die Sendung an eine von mehreren Personen genutzte Adresse ging?
Dann lässt sich häufig keine eindeutige Täterschaft belegen, was eine Einstellung nach § 170 Abs. 2 StPO ermöglichen kann, dieser Punkt sollte früh in die anwaltliche Verteidigungsstrategie einfließen.
Namen, Orte und Zahlen dieses Falls sind verändert.
Warum die medizinische Zulassung nichts an der Strafbarkeit ändert
Die medizinische Zulassung von Amphetamin ändert nichts an der Strafbarkeit einer privaten Auslandsbestellung ohne Rezept: Ab 10 Gramm reiner Wirkstoffmenge drohen empfindliche Konsequenzen, und fahrerlaubnisrechtlich genügt bereits ein einziger nachgewiesener Konsum. Wer in einem Amphetamin Zoll-Fall ein Anhörungsschreiben des Hauptzollamts erhalten hat, sollte weder gegenüber dem Zoll noch im Personalbogen vorschnelle Angaben machen, sondern zunächst anwaltliche Akteneinsicht nehmen lassen, von der Frage der Zuordnung bis zum exakten Wirkstoffgehalt lässt sich darüber oft entscheidend Einfluss auf den Ausgang des Verfahrens nehmen. Bei Rückfragen zum Thema kontaktieren Sie mich gerne.
Die genannten Grenzwerte (10 g Amphetaminbase für die „nicht geringe Menge“, Bundesland-Richtwerte für die „geringe Menge“) beruhen auf der aktuell recherchierbaren Rechtsprechungs- und Verwaltungspraxis, sind aber keine bundeseinheitlichen gesetzlichen Werte und können sich durch neue Rechtsprechung oder Verwaltungsvorschriften ändern; sie sollten vor Verwendung im Einzelfall verifiziert werden. Stand: Juli 2026.
Woran sich ein Betäubungsmittelverfahren entscheidet und unter welchen Voraussetzungen es endet, steht hier: wie ein BtMG-Verfahren abläuft.
Gesetzestexte und weiterführende Quellen
- Betäubungsmittelgesetz: § 29 Abs. 1 Nr. 1 BtMG · § 30 Abs. 1 Nr. 4 BtMG · § 31a BtMG
- Strafgesetzbuch: § 69 Abs. 2 Nr. 2 StGB · § 316 StGB
- Strafprozessordnung: § 81a StPO · § 170 Abs. 2 StPO
- Straßenverkehrsgesetz: § 3 Abs. 1 StVG · § 24a Abs. 2 StVG · § 24a Abs. 1a StVG · § 24a Abs. 4 StVG
- Fahrerlaubnis-Verordnung: § 11 Abs. 8 Satz 1 FeV · § 11 Abs. 7 FeV · § 14 Abs. 1 FeV · § 14 Abs. 1 Satz 2 FeV · § 14 Abs. 2 FeV · § 46 Abs. 1 FeV
Den amtlichen Wortlaut des § 29 BtMG veröffentlicht das Bundesministerium der Justiz unter gesetze-im-internet.de.
Grundlage ist Körner/Patzak/Fabricius/Huth zum Betäubungsmittelgesetz in der 11. Auflage 2024.
Kostenlose Ersteinschätzung
Liegt ein Anhörungsschreiben wegen Amphetamin vor, sehe ich mir die Unterlagen ohne Kosten an. Ich bin Björn Schüller, Rechtsanwalt in Bremen, und verteidige bundesweit.
Amphetamin steht in Anlage III des Betäubungsmittelgesetzes und ist damit verkehrs- und verschreibungsfähig. Aus dieser Einordnung ergeben sich Einwände, die bei nicht verschreibungsfähigen Stoffen von vornherein ausscheiden.
Weitere Beiträge zum Thema: Anlagen zum BtMG, nicht geringe Menge, Methamphetamin und Zoll und Verteidigung im BtMG-Verfahren.
Vorstufen, Arzneiformen und die Einstufung der Behörde sind eigene Themen: Ephedrin und Pseudoephedrin, Lisdexamfetamin, die Einstufung als Drogengefährdung.
ist Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Bremen, seit fünfzehn Jahren im Betäubungsmittel-, Cannabis-, Zoll- und Fahrerlaubnisrecht tätig. Verteidigung bundesweit.